Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels e.V. (BVL)

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Von der Vision zum Branchenstandard: Fünf Jahre „Food for Biodiversity“ (LP-Fachartikel)

Der Verlust der biologischen Vielfalt ist längst keine abstrakte ökologische Bedrohung mehr – er ist eine wirtschaftliche Realität, die das Fundament unserer Warenversorgung direkt betrifft.

Rund eine Million Tier- und Pflanzenarten sind laut dem globalen IPBES-Bericht weltweit vom Aussterben bedroht. Für den Lebensmittelhandel ist der Erhalt der Biodiversität daher keine bloße Randnotiz der Umweltpolitik, sondern eine existentielle Absicherung der eigenen Lieferketten. Ohne funktionierende Bestäuberleistungen und gesunde Böden fehlen schlicht die Regalfüller von morgen.

Am 3. März 2021 markierte die Gründung des Vereins Food for Biodiversity einen wichtigen Punkt für den Sektor. Am internationalen Tag des Artenschutzes schlossen sich namhafte Unternehmen, Verbände und wissenschaftliche Organisationen aus Deutschland zusammen, um eine der komplexesten Herausforderungen anzugehen. Die zugrundeliegende Prämisse war so einfach wie ambitioniert: Artenschutz lässt sich in globalen, hochvernetzten Lieferketten nicht im Alleingang bewältigen. Echter Wandel entsteht nur dort, wo Handel, Produzenten, Standardorganisationen und Forschung an einem Tisch sitzen. Dieser Multistakeholder-Ansatz ist das Herzstück des Vereins – und nach fünf Jahren intensiver Arbeit im Jubiläumsjahr 2026 zeigt sich: Er ist der Schlüssel zur notwendigen Skalierbarkeit.

Das Basis-Set: Ein strategischer Kompass für den Einkauf

Das wohl wichtigste Ergebnis dieser sektorspezifischen Kooperation ist das „Basis-Set Biodiversitätskriterien“. In einer Zeit, in der Unternehmen mit einer Flut an regulatorischen Anforderungen konfrontiert sind, wurde hier bewusst kein neuer, bürokratischer Standard geschaffen, der in den direkten Wettbewerb zu bestehenden Systemen tritt. Vielmehr fungiert das Set als gemeinsamer Nenner und fachlicher Referenzrahmen für die gesamte Lebensmittelwirtschaft.

Das Kriterienset bietet Unternehmen und Standardgebern die Möglichkeit, bestehende Vorgaben zu benchmarken und gezielt weiterzuentwickeln. Das ist strategisch klug: Es schafft Orientierung und Vergleichbarkeit, ohne neue Parallelstrukturen aufzubauen. Für den Handel bedeutet das konkret, dass bestehende Zertifizierungen gestärkt und um die Komponente der biologischen Vielfalt präzisiert werden. Zur Jahresmitte 2026 geht das Instrument nun in die entscheidende Phase: Eine gemeinsame Rollout-Strategie überführt das Basis-Set vom Pilotprojekt in die Breite der Warenströme. Ein besonderer Fokus liegt dabei aktuell auf der Vorbereitung für die Warengruppe Frischobst und -gemüse. Ziel ist es, die Biodiversitätskriterien noch tiefer entlang der Kette zu integrieren. 

Transparenz und Wissenstransfer entlang der Kette

Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH) begleitet diesen Prozess als Fördermitglied aktiv, denn der Blick auf das Ernährungssystem wächst stetig – nicht nur durch bewusstere Konsumenten, sondern auch durch den Gesetzgeber. Damit der Wandel auf dem Feld ankommt, setzt Food for Biodiversity auf praxisnahe Instrumente für die Landwirtschaft:

  • Kompetenzaufbau entlang der Kette: Wissen ist die wichtigste Ressource. Durch spezialisierte Trainingsmodule für den Einkauf und das Qualitätsmanagement stellt der Verein sicher, dass Biodiversität als zentraler Wertschöpfungsfaktor verstanden wird.
  • Wissensplattform: Durch die Bereitstellung von Vorlagen zur Erstellung von Biodiversitäts-Aktionsplänen oder Wassermanagementpläne für landwirtschaftliche Betriebe oder die Vermittlung von Experten können Erkenntnisse besser in die Praxis umgesetzt werden.
  • Anreize der Privatwirtschaft für Landwirte: In Ergänzung zu staatlichen Förderungen sind Anreize von Lebensmittelunternehmen wichtig, um Biodiversitätsschutz in die Fläche zu bringen. Food for Biodiversity entwickelt einen Leitfaden, wie Anreizsysteme idealerweise konzipiert werden, um möglichst attraktiv zu sein.

Fazit: Kooperation als Wettbewerbsvorteil der Zukunft

Die Bilanz nach fünf Jahren ist eindeutig: Der Lebensmittelhandel hat bewiesen, dass er nicht auf staatliche Regulierung wartet, sondern proaktiv Maßstäbe setzt. Ob durch den Schutz der Bodengesundheit, die Reduktion von Pflanzenschutzmitteln oder die Förderung von Agroforstsystemen – die Bandbreite der Praxisbeispiele zeigt die Vielfalt der Herausforderungen und Handlungsoptionen. Im initiierten EU-Projekt Fit for Biodiversity werden aktuell noch weitere hilfreiche Unterstützungsangebote für die Branche erarbeitet.

Food for Biodiversity bündelt diese Einzelinitiativen zu einer Branchenstrategie. Was 2021 als mutige Idee begann, ist heute ein unverzichtbarer Branchenkompass. Wer die Vielfalt der Perspektiven nutzt, erzielt am Ende Einigkeit dort, wo sie am dringendsten gebraucht wird: am Ursprung unserer Lebensmittel.

Autor: Matthias Jäger

Dieser Fachartikel ist erschienen in der LP06/2026 / (PDF-Download)