Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels e.V. (BVL)

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Datenräume: Warum der Handel Daten braucht und nicht besitzen will (LP-Fachartikel)

Der Datenaustausch entlang der Wertschöpfungskette sorgt für Diskussionen. Doch der Handel fordert Daten nicht aus Eigeninteresse, sondern aufgrund gesetzlicher Berichtspflichten. Datenräume können helfen, den Informationsfluss effizienter, sicherer und für alle Beteiligten praktikabler zu machen.

Noch nie wurden so viele Daten generiert, doch kaum ein System nutzt sie effizient. Die EU-Nachhaltigkeitsberichterstattung umfasst etwa 320 Datenpunkte. Gleichzeitig stellen Akteure entlang der Wertschöpfungskette und Nachhaltigkeitsinitiativen wie SBTi eigene Datenanforderungen. Das Resultat: Ein Landwirt muss denselben Datensatz mehrfach in unterschiedliche Systeme eingeben. Das ist ineffizient.

Der regulatorische Rahmen hat die Anforderungen erhöht. Die EU-Entwaldungsverordnung verlangt Geolokalisierungsdaten, Sorgfaltserklärungen und Referenznummern. Daneben stehen Sorgfaltspflichten in den Lieferketten, die EU-Nachhaltigkeitsberichterstattung und private Standards. Das ist ohne Daten aus den Vorstufen nicht zu leisten.

Das Problem: Datensilos

Der Engpass liegt nicht im Mangel an Daten, sondern in ihrer Organisation. Viele Informationen liegen in getrennten Systemen vor, die nicht miteinander kommunizieren. Betriebe müssen Daten mehrfach erfassen. Für die Vorstufen bedeutet das Aufwand ohne erkennbaren Nutzen. Für den Handel Daten schwankender Qualität, die bilateral nachverhandelt werden müssen.

Oft wird übersehen, dass Sorgfaltspflichten weitgehend risikobasiert angelegt sind. Die Wesentlichkeitsanalyse hilft, Risiken zu gewichten und den Datenbedarf zu begrenzen. Davon zu unterscheiden sind Informationspflichten wie die Geolokalisierung, die unabhängig vom Risiko für jede Fläche gilt. Datenräume sollten diesen Unterschied berücksichtigen und festlegen, welche Daten in welcher Tiefe für welchen Zweck benötigt werden. Ein gemeinsamer Governance-Rahmen kann unnötige Mehrfachanforderungen verhindern. 

Ein Datenraum ist ein regelbasiertes, föderiertes Ökosystem. Daten verbleiben am Entstehungsort und werden nach klar definierten Regeln ausgetauscht. Freigaben sind technisch hinterlegt, einsehbar und widerrufbar. Jede Transaktion bleibt nachvollziehbar. Entscheidend ist, dass die Regeln von den Beteiligten gemeinsam entwickelt werden. Zu unterscheiden sind ein sektorübergreifender Rahmen für Identitäten und Interoperabilität sowie darauf aufbauende branchenspezifische Datenräume.

Bestehende Systeme vernetzen

Für Lebensmittelsicherheit und Qualitätssicherung existieren seit Jahren Systeme wie QS, IFS, QM-Milch und dazu die Stammdatenpflege über GS1-Standards. Datensätze, Rollen, Prüfmechanismen und Zuständigkeiten sind dort definiert und akzeptiert. Die Verbindung der Systeme fehlt jedoch. Die Datenraum-Debatte ist daher kein Neustart, sondern der Versuch, bestehende Lösungen miteinander zu verbinden.

Ein Beispiel ist die QS-Klimaplattform. Statt dass jedes Schlachtunternehmen ein eigenes System baut, hat man eine gemeinsame Bewertungsplattform aufgebaut. Schweinehalter können dort Daten eintragen. Die Plattform berechnet den CO₂-Fußabdruck, über dessen Weitergabe der Betrieb entscheidet. Die Kontrolle bleibt beim Landwirt. Nachgelagerte Stufen erhalten standardisierte Daten. 

Die an der Initiative Plattform Ackerbau beteiligten Verbände – u.a. der BVLH – haben eine neutrale Schnittstelle zwischen den beteiligten Akteuren geschaffen, um Themen wie Qualitätssicherung und Nachhaltigkeit koordiniert, statt in Insellösungen zu bearbeiten.

Seit April 2025 entsteht zudem der Common European Agricultural Data Space, einer von 14 europäischen Datenräumen. Er soll bestehenden Initiativen einen gemeinsamen Datenaustauschrahmen geben.

Gemeinsame Regeln schaffen

Für funktionierende Datenräume braucht es eindeutige Identitäten und verifizierbare Nachweise. Das Prinzip ist aus dem Alltag bekannt. Führerschein und Fahrzeugschein zeigen, wie Identitäten und Berechtigungen einfach nachgewiesen werden können. Der digitale Fahrzeugschein erweitert dieses Prinzip um zeitlich begrenzte und widerrufbare Freigaben.

Diese Logik greift auch beim Austausch von Agrardaten und Daten der Ernährungswirtschaft. Wenn man von kg Stickstoff pro Hektar spricht, entsteht die konkrete Aussage erst nach Zuweisung zu einem Feld oder einem Betrieb. 

Ein staatlicher Baustein ist die von der EU-Kommission vorgeschlagene European Business Wallet, die digitale Unternehmensidentitäten, elektronische Signaturen, die Verwaltung von Nachweisen und rechtssichere Zustellung bündelt. Sie soll von zertifizierten Anbietern im Wettbewerb bereitgestellt werden. Welche Daten zu welchem Zweck genutzt werden dürfen, muss jedoch die Branche festlegen.

Für den Handel ermöglichen Datenräume den Bezug belastbarer Nachhaltigkeitsdaten. Betriebsdaten sind jedoch vor allem für die Betriebe selbst wertvoll. Strukturiert verfügbar, unterstützen sie Entscheidungen zu Düngung, Futtereffizienz oder Energieeinsatz und erlauben Vergleiche über Jahre hinweg. Auch Banken können Konditionen stärker an tatsächlichen Kennzahlen ausrichten. Der CO₂-Fußabdruck ist daher nicht nur ein Nachweis für den Abnehmer, sondern wird auch eine betriebswirtschaftliche Kennzahl. 

Der Handel beteiligt sich

Gemeinsam mit DBV, DRV, DLG, GS1 Germany, appellando und den Friends of Digital Farming wurde 2025 vom BVLH eine Seminarreihe zu souveränen Datenökosystemen durchgeführt. Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen tragfähige Muster. Gemeinsam ist ihnen, dass die Branche die Regeln selbst definiert.

Datenräume müssen freiwillig sein, auf offenen Schnittstellen basieren und die Datenhoheit beim Erzeuger belassen. Ohne erkennbaren Nutzen für die Vorstufen wird kein System Akzeptanz finden. Der Handel ist bereit, diesen Weg mitzugehen, weil er die Daten, die er ohnehin liefern soll, so beschaffen muss, dass es für alle Stufen der Kette tragbar ist.

Autor: Matthias Jäger

Dieser Fachartikel ist erschienen in der LP 14/2026 / (PDF-Download)