Der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels e.V. (BVL)

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Gemeinwohl – Was ist das?

Grafik: Marianne Weber

Jeder Einfluss, den Organisationen auf ihr gesellschaftliches Umfeld ausüben, wird als Gemeinwohlbeitrag (Public Value) bezeichnet. Dieser Wertbeitrag stiftet Nutzen, wenn Organisationen individuelle oder kollektive Bedürfnisse befriedigen. Sie handeln also immer dann gemeinwohlorientiert, wenn sie Wertschätzung in der Gesellschaft erfahren und auf diese Weise zu einem funktionierenden Gemeinwesen beitragen.
Vier menschliche Grundbedürfnisse bilden den Beurteilungsmaßstab für die Gemeinwohlwirkung einer Maßnahme, Organisation oder ganzen Branche:

  • 1) Aufgabenerfüllung: Ist es sachlich gerechtfertigt?
  • 2) Moral: Ist es anständig?
  • 3) Zusammenhalt: Ist es gesellschaftlich akzeptabel?
  • 4) Lebensqualität: Ermöglicht es positive Erfahrungen?

Versteht man den Gemeinwohlbeitrag einer Wirtschaftsorganisation als Richtschnur für Managemententscheidungen, lässt er sich mithilfe einer Public Value Scorecard (PVSC) messen. Dabei wird in Bezug auf die Aufgabenerfüllung nicht nur der sachliche, sondern auch der finanziell-ökonomische Nutzen für die Gesellschaft ermittelt. Es wird also der Frage nachgegangen:

  • 5) Ist es profitabel beziehungsweise ist es wirtschaftlich sinnvoll?
  • „Marktwirtschaft ist die Sozialpartnerschaft. Sie garantiert, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam Verantwortung für das Gemeinwohl übernehmen.“

    Bundeskanzlerin Angela Merkel beim „Politischen Forum Ruhr“ zum Thema „Wohlstand für alle. Soziale Marktwirtschaft“, 11. Juli 2017 in Essen

  • „Wir können gerne alle Milliardäre enteignen, wenn es dem Gemeinwohl dient - und jetzt lassen Sie uns überlegen, ob es das wirklich tut. Beim Familienunternehmen Aldi profitieren die Kunden von ordentlicher Qualität und günstigem Preis. Ob das beim Volkseigenen Betrieb Aldi so bliebe, wage ich zu bezweifeln.“

    FDP-Chef Christian Lindner im SPIEGEL-Interview, 2014

  • „Ihnen allen, die sie danach streben, Wirtschaft mit Wohlstand und Gemeinwohl zu vermählen, Ihnen allen möchte ich heute von Herzen Dank sagen.“

    Bundespräsident Joachim Gauck bei der Feierstunde zum 350. Jubiläum der Handelskammer Hamburg, 19. Januar 2015

  • „Der Staat wäre überfordert, wenn man ihm allein die Aufgabe überließe, für das Gemeinwohl zu sorgen.“

    Bundespräsident Johannes Rau anlässlich der Gründungsfeier der Schering-Stiftung, 29. Januar 2003

  • „Am besten fragt sich jeder selbst, was er fürs Gemeinwohl bessermachen kann – Geld und Gewinn sind nichts Schlechtes, wenn sie nicht rücksichtslos für Einzelinteressen eingesetzt werden und wenn die Verteilung stimmt.“

    Julia Klöckner im Interview mit der TAZ, Mai 2017

Warum die Untersuchung des Gemeinwohlbeitrages sinnvoll ist

Der Lebensmittelhandel prägt die individuelle Wahrnehmung des Gemeinwesens entscheidend mit. Strategische Entscheidungen und Geschäftspraktiken werden öffentlich diskutiert und machen die gesellschaftliche Relevanz unternehmerischen Handelns sichtbarer. Diese Transparenz führt nicht nur dazu, dass Unternehmen sich verstärkt darüber Gedanken machen, wie sie sich in der Gesellschaft verorten. Sie müssen sich auch darüber klar werden, dass sie ihre Wertschätzung jeden Tag aufs Neue erarbeiten und pflegen müssen.

Die Wahrnehmung der Leistungen, die Unternehmen zum Zusammenleben in einem Gemeinwesen erbringen, gewollt oder ungewollt, prägt nicht nur ihr gesellschaftliches Bild. Sie hat mitunter auch großen Einfluss auf das Kerngeschäft. Unternehmerische und gesellschaftliche Wertschöpfung hängen also unmittelbar zusammen.

Um besser zu verstehen, wie die Menschen in Deutschland den Lebensmittelhandel wahrnehmen, was sie wertschätzen und wünschen, hat der BVLH den Gemeinwohlbeitrag des deutschen Lebensmittelhandels ermitteln lassen. Die Studie verlief entlang der Methodologie der Gemeinwohlevaluierung unter wissenschaftlicher Begleitung von Prof. Dr. Timo Meynhardt, Inhaber des Dr. Arend Oetker Lehrstuhls für Wirtschaftspsychologie und Führung an der Handelshochschule Leipzig (HHL Leipzig Graduate School of Management).

Der Gemeinwohlbeitrag des deutschen Lebensmittelhandels zeigt nicht nur den Mehrwert, den die Branche für die Gesellschaft leistet. Er hilft auch dabei, die eigene Rolle bei der Gestaltung des Gemeinwesens klarer zu definieren und zu kommunizieren.


Das Gemeinwohlprofil des Lebensmittelhandels

Das Gemeinwohlprofil des deutschen Lebensmittelhandels besteht aus drei Gemeinwohldimensionen, die durch einzelne konkrete Wertbeiträge konstruiert und genauer beschrieben werden. Insgesamt handelt es sich um elf Wertbeiträge, die der Lebensmittelhandel zum Gemeinwohl in Deutschland stiftet.

  • Dimension 1: Mitgestaltung zeitgemäßer Versorgung
    Versorgungssicherheit
    Anspruch auf Qualität
    Differenzierte Preise
    Achtung vor Umwelt und Tieren
  • Dimension 2: Verantwortungsbewusste Mitgestaltung der Lebensstile
    Sortimentsvielfalt – Produkte für jeden
    Förderung der Gesundheit
    Einkaufen als Erlebnis
    Esskultur stärken
  • Dimension 3: Unternehmerische Mitgestaltung des Gemeinwesens
    Produktionskultur
    Arbeitskultur
    Zugangskultur

Die Untersuchungsmethode

Der Gemeinwohlbeitrag des deutschen Lebensmittelhandels wurde in einem zweistufigen Verfahren ermittelt. Zunächst wurden 30 Experten aus fünf Stakeholder-Gruppen in einem strukturierten Interview befragt. Dazu gehörten Vertreter aus der Wertschöpfungskette, aus Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Aus den Ergebnissen dieser qualitativen Befragung wurde mithilfe einer Public Value Scorecard ein Gemeinwohlprofil erstellt.

Mit einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung (N = 1.000), die das forsa-Institut durchgeführt hat, wurde dieses Gemeinwohlprofil im Anschluss überprüft. Dafür wurde zum einen jeweils eine Frage zu jeder der drei Dimensionen des Gemeinwohlprofils und zu jedem der insgesamt elf Wertbeiträge formuliert. Zum anderen wurden die vier Dimensionen des Gemeinwohlbegriffs wie folgt abgefragt:

  • Leistet der Lebensmittelhandel in seinem Kerngeschäft gute Arbeit?
  • Trägt der Lebensmittelhandel zum Zusammenhalt in Deutschland bei?
  • Trägt der Lebensmittelhandel zur Lebensqualität in Deutschland bei?
  • Verhält sich der Lebensmittelhandel anständig?
  • „Wir wollten besser verstehen, wie die Menschen den Lebensmittelhandel in Deutschland wahrnehmen. Die Studie zum Gemeinwohlbeitrag der Branche liefert erste Antworten auf diese Frage.“

    Friedhelm Dornseifer, BVLH-Präsident

  • „Der deutsche Lebensmittelhandel ist Kulturträger – mit allen positiven und negativen Effekten auf das Gemeinwohl. Man könnte pointiert sagen: Mit den Kunden steht auch immer das Gemeinwohl an der Kasse.“

    Prof. Dr. Timo Meynhardt, HHL

Die Sichtweise der Kunden

Grundlage für die Bewertung der Gemeinwohlleistung des deutschen Lebensmittelhandels durch die Bevölkerung ist der GemeinwohlAtlas. Dort bewertet eine repräsentative Stichprobe den empfundenen Gemeinwohlbeitrag von Organisationen in Deutschland anhand der vier Bedürfnisdimensionen: Aufgabenerfüllung, Zusammenhalt, Lebensqualität und Moral. Die jeweiligen Ergebnisse werden zu einem Gemeinwohl-Punktwert zusammengefasst.

Diese Vorgehensweise wurde auch bei der Bevölkerungsbefragung zum Gemeinwohlbeitrag des deutschen Lebensmittelhandels angewandt. Im Ergebniss erreichte der Gemeinwohlbeitrag einen Durchschnitt von 3,98 von 6 Punkten. Im GemeinwohlAtlas Deutschland, dessen letzte Befragung Ende 2015 veröffentlicht wurde, stünde der Lebensmittelhandel damit auf Platz 50 von insgesamt 127 Organisationen. Damit belegt der Lebensmittelhandel einen sehr guten Mittelfeldrang.


Studie: Mit dem Gemeinwohl an der Kasse – Der deutsche Lebensmittelhandel als Kulturträger

Studie zur Ermittlung des Gemeinwohlbeitrages des deutschen Lebensmittelhandels
(Juni 2018)

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